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03.05.2010

Für jeden Patienten eine individuelle Therapie

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Thema zu der hitec-Sendung "Schatzsuche im Genlabor"

Prof. Dr. Schlag

Wissenschaftler möchten die Erkenntnisse der Genforscher jetzt schon praktisch anwenden. In Berlin beginnt vielleicht gerade eine Revolution in der Krebstherapie. An der Charité suchen Ärzte nach Wegen, um mehr Patienten zu retten. Über 7 Millionen Menschen weltweit sterben jedes Jahr an Krebs.

Operation, Bestrahlung und Chemotherapie sind die Waffen, die bislang im Einsatz sind. Und die helfen zurzeit nur etwa der Hälfte aller Krebskranken. Die wesentlichen Ursachen für die Entstehung von Krebs sind genetische Veränderungen in Körper-Zellen. Bisher unterscheiden Krebsmediziner die Krebsarten nach den Organen, in denen sie vorkommen. Das könnte sich jetzt ändern, denn offenbar besitzt jeder Krebs seine genetischen Eigenarten, ganz egal, wo er wächst.

Peter Schlag, Chirurg, Charité Comprehensive Cancer Center:

"In Zukunft wird zunächst überhaupt durch die genetischen Untersuchungen eine ganz andere Klassifizierung von Krebs durchgeführt werden. Sie wird nicht mehr nach Organgruppen - das ist Brustkrebs, Dickdarmkrebs, Prostatakrebs - sondern wir werden ihn definieren nach bestimmten genetischen Besonderheiten. Und wenn uns das gelingt, dann haben wir einen Riesensprung vorwärts gemacht."

Unter dem Mikroskop werden die Krebszellen analysiert und einer Krebsart zugeordnet. Was sich jedoch genau in diesen Krebszellen abspielt, wissen die Ärzte nicht. Darum hat sich Peter Schlag mit Genetikern zusammengetan. Und dieser Schritt führt jetzt zu ganz neuen Möglichkeiten.


Das Treat-1000-Projekt

Auf der ganzen Welt arbeiten derzeit Genexperten am größten Krebsforschungsprojekt, das es je gegeben hat. Für 50 Krebsarten sollen sämtliche Veränderungen des Erbgutes erfasst werden. Denn inzwischen vermuten die Wissenschaftler, dass viele der scheinbar gleichen Tumorarten vielleicht durch ganz unterschiedliche Gen-Defekte hervorgerufen werden. Und die ersten Ergebnisse sind bestürzend: In einer Hautkrebszelle fanden die Genforscher über 670 genetische Veränderungen.

Und das ist noch nicht alles:

Hans Lehrach, Genetiker, MPI für Molekulare Genetik:

"Jeder Tumor ist verschieden, jeder Patient ist verschieden und wir müssen das in der optimalen Behandlung, in der individualisierten Medizin der Zukunft in Betracht ziehen."


Darum hat Hans Lehrach zusammen mit Peter Schlag und anderen Wissenschaftlern das Treat-1000-Projekt gestartet. Sie wollen endlich Ergebnisse der Genforschung in die Praxis umsetzen. Die Tumorzellen von 1000 Krebspatienten werden entschlüsselt. Bis vor kurzem wäre das noch unbezahlbar gewesen, aber durch die rasanten Fortschritte in der Bioinformatik ist das jetzt möglich. Aus diesen Daten entsteht dann jeweils ein "digitaler Tumor". Hunderte Mutationen und andere Störungen in einer Krebs-Zelle sind hier abgebildet.

Hans Lehrach, Genetiker, MPI für Molekulare Genetik:

"Es ist nicht zu erwarten, dass es einen anderen Krebspatienten gibt, der genau die gleichen Veränderungen des Tumors hat. Wir wissen nicht genau, welche Änderungen davon genau signifikant sind, aber es ist anzunehmen, dass wir jeden einzelnen Patienten so genau untersuchen müssen, um wirklich eine optimale individualisierte Behandlung möglich zu machen."


Computer soll die Prozesse in Krebszellen simulieren

Maßgeschneiderte Therapien, das ist das Ziel. Dafür wird eine Software entwickelt, die das gesamte Wissen über Krebswachstum, Chemotherapien und ihre Substanzen enthält. Hinzu kommen das individuelle Genom des einzelnen Patienten und die Gen-Daten seines Tumors. Aus allen Informationen soll der Computer dann die Prozesse in den Krebszellen simulieren und auch den Effekt, den bestimmte Wirkstoffe haben. So ließe sich vielleicht ein optimaler Medikamentencocktail ausrechnen. Und auch neue Wirkstoffe könnten irgendwann auf diese Weise entwickelt werden.

In Zukunft sollen Ärzte, Genforscher und Biologen gemeinsam an einem Tisch sitzen und für jeden Patienten eine individuelle Therapie entwerfen.

Hans Lehrach, Genetiker, MPI für Molekulare Genetik:

"Mit dem neuen Rechenmodell sollten wir imstande sein, die einzelnen Krebspatienten sehr viel gezielter zu behandeln und dadurch entweder den Krebs besser zu heilen oder dadurch den Krebs in eine chronische Krankheit umwandeln zu können."
 

Links

http://www.3sat.de/mediathek/frameless.php?url=/hitec/143139/index.html



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